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Ausstellung 2014

     

WaNderweg Kreuz Kaiserberg

EIN WANDERWEG Im Projekt B1|A40 entstand hier der „Landschaftspark Kreuz Kaiserberg“ durch die simple Verknüpfung und Ausweisung sichtbarer wie verborgener Typologien, Räume und Eingriffe, die den Ort als eine Landschaft erkennbar machen, die sich entlang der lokalen Einflüsse und der kulturellen Prägungen ihrer Protagonisten entwickelt hat. In Form eines eigentümlichen Wanderwegs entlang dieser örtlichen Typologien führt eine Tour vom anliegenden Duisburger Zoo, dessen Brücke über die A3 als Tor zu diesem Raum gilt, auf den Kaiserberg, der sich als städtische Parklandschaft und klassisches Naherholungsgebiet gestaltet. Am Fuß des Berges trifft man auf die Bahntrasse des ICE, die durch klassische Schienenrandnutzungen wie Schrebergärten und Taubenzucht begleitet mitten ins Kreuz führt. Die im üblichen Stil gehaltenen Karten und Infotafeln informieren allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Sie zeigen den Schrebergarten in seiner Geschichte als Form der Landkontrolle und sozialen Befriedung. Das aus Hecken geschnittene Zoosignet über der Autobahn erweist sich als Schildbürgerstreich, der zeigt, wie man in der Region geschickt die Gesetze umgeht, hier aktuell das Werbeverbot an der Autobahn durch einen Baum in Buchstabenform, der laut Gärtner „nun mal so wächst“. Dass Graffiti zur Sprache der Straße gehört, ist jedem bewusst, allerdings nicht, wie sich die Szene konzipiert, verhält und verständigt. Auch dass der Zoo als Repräsentation von Natur in der Stadt eine wichtige soziopolitische Rolle spielt, wird hier erläutert. So zeigen die Tafeln eine neue Landschaft, die sich subtil gegen Konventionen auflehnt, andere Strategien im Umgang mit Land und Sozialität sucht und vorhandene Formen widerständig überschreibt: im Zentrum des Knotens, der überraschend gut durch Fußwege erschlossen ist, befindet sich die Pumpstation, die die von den Fahrbahnen abfließenden Wässer sammelt. In nahezu idyllischer Umgebung hat sich in den Flutungsbecken ein Biotop aus Wasserlilien und Rohrkolben gebildet. Nur der sonore Lärm verweist darauf, dass dieses Biotop durch die Autobahninfrastruktur ermöglicht wurde. Die heftig kontrastierten Wechsel zwischen Feuchtbiotop und Autobahnterror schlagen einem auf dem Weg mehrfach entgegen und machen die Wanderung von zwei Stunden Länge zum ambivalent sublimen Ereignis zwischen Naherholung, Schock und Verwunderung. Überquert man die imposanteste Kreuzung des Knotens, wo sich ICE-Trasse, A3 und A40 überlagern und die als erstaunliche Verdichtung transitorischer Räume im Projekt den Namen „Kaiserberger Hölle“ bekam, findet man unmittelbar hinter der Schallschutzwand eine bürgerliches Wohnidyll mit klassischem Dorfcharakter: Einfamilienhauszeilen, Kirche und Proberäume für Schwermetaller im Bunker führen hinter der Schallschutzwand im Ortsteil Werthacker ein nahezu einträchtiges Miteinander. Etwas weiter haben sich landwirtschaftliche Betriebe, Ponyhof und Fischzucht die Nachbarschaft der Autobahn auf eigene Weise zunutze gemacht: Der Bauer nutzt die mächtigen Brücken als Trockenplatz und Unterstand für Hornvieh, die Tiere des Ponyhofs grasen zwischen den Fahrbahnen und bei Delikatfisch Braun entdeckt man im Schatten der großen Straße eine Forellenzuchtanlage, die wie ein Wasserschloss im Ruhrgebietsstil formuliert ist. Dass eine Anliegerin der Autobahn in ihrem kleinen Paradies ein informelles Asyl für Tiere beherbergt, dass direkt nebenan eine legendäre Miederwarenfirma ihren Sitz hat und zu dieser Landschaft schon Gedichte verfasst wurden, die angesichts des hinter der Tafel zu sehenden Autobahnkreuzes nachdenklich stimmen, lässt den Wanderer die Geschichte dieses Ortes erahnen, der oft verändert, mehrmals zerschlagen, und trotzdem von seinen Bewohnern erhalten, entwickelt und immer wieder neu erfunden wurde. In einer mühevoll stetigen Arbeit in Reaktion auf die äußeren Zumutungen haben ihm die Menschen eine hartnäckige Beständigkeit verliehen, die nun wiederum bedroht ist. Der Besitzer des Dörnerhofs, der schon beim Bau des Autobahnkreuzes teilenteignet wurde und gegen die widrigen Umstände den elterlichen Hof wieder aufgebaut hat, kämpft aktuell schon wieder: gegen einen Autohof mit Hotel und Spielkasino, der das filigrane biologische wie soziologische Gleichgewicht im Kreuz ins Wanken bringen würde. Nochmals die so passende wie eindrucksvoll dichte Beschreibung Brinckerhoff Jacksons: „Dies sind Landschaften, deren Bewohner keine Monumente hinterlassen, sondern nur Zeichen des Aufgebens oder Erneuerns. Mobilität und Wandel sind die Schlüssel zur vernakulären Landschaft, aber eher unfreiwillig und widerstrebend. Sie sind nicht Ausdruck von Ruhelosigkeit und Suche nach Verbesserungen, sondern vielmehr von einer nicht enden wollenden, geduldigen Anpassung an die Umstände. Viel zu oft geht diese Anpassung auf die willkürliche Entscheidung der Mächtigen zurück. Aber ebenso spielen natürliche Bedingungen, Ignoranz, das blinde Vertrauen in lokale Konventionen und das Fehlen langfristiger Ziele eine Rolle: das Fehlen dessen also, was wir zukünftiges historisches Bewusstsein nennen würden.“Der Wanderweg im „Landschaftspark Kreuz Kaiserberg“ versucht, ein dauerhaftes Bewusstsein für den Wert einer solchen Landschaft und ihrer Funktion für die Gesellschaft zu schaffen. Gegenüber Brinckerhoff Jacksons Einschätzung verleihen die Anwohner im Kreuz Kaiserberg der Landschaft, die unter ökonomischen Gesichtspunkten als vakante Restfläche zur Disposition steht, einen dauerhaften Moment an Würde und Perspektive, wenn sie nicht um die Kirche als Monument, sondern um ihre Funktion als Gemeinschaftszentrum kämpfen. Wenn die Bewohner und Anlieger des Dörnerhofs nicht um ihr Gut, sondern schlicht um das soziale Klima ihres Lebensraumes kämpfen. Sie verleihen diesem Raum, der einer permanenten Neugestaltung ausgesetzt ist, in der stetig ausgeübten Praxis der Widerständigkeit und Selbstverantwortung Dauer und Bestand, wo seine Zeichen und Monumente stets von der Autobahn bedroht sind. Gegenüber dem Denkmal, dem Brinckerhoff Jackson 1984 am Ende seines wunderbaren Textes doch wieder verfällt und das das kollektive Gedächtnis seiner Einschätzung nach lediglich wach hält, zirkuliert die Erinnerung in der Praxis der Menschen aktiv und aktualisiert sich dabei eigenständig. Sie wird nicht in Monumenten ausgelagert, sondern ist aktiver Teil des kollektiven Denkens, das mit der aktuellen Wirklichkeit kommuniziert. Die Gesellschaft muss heute anerkennen, dass nicht nur die sichtbaren Zeichen, Werke und Bauten einer Kultur historisch bedeutend sind, sondern auch und gerade ihre Praktiken, die sich nur in der kontinuierlichen Ausübung vergegenwärtigen, erhalten und erneuern. Denn nur die Gesellschaft kann der Praxis an sich und ihren Landschaften als Form in der Anerkennung ihrer Bedeutung das verleihen, was Brinckerhoff Jackson zukünftiges historisches Bewusstsein nennt.